Raubtierzyklus

Raubtier


Ein Ich reicht meinem Ich die Lanze

Klinkenschnelles Knarzen

Schlüssel eingedreht.

Bis wann das Rütteln,

Schmeicheln, Drohen, Flieh'n?

Bin dann womöglich nur der Raum.

Ein Zwanzig-BMI.

Bald spannt, dann flattert schon ein Saum,

Wo wir umsonst,

Kosten- und sinnfrei heut' geweht.

Warum dann sehe ich mich meine Wunden nicht verarzten.

Ich hasse, wen ich liegen lasse.


Weshalb haben wir uns dann noch nicht verzieh'n.


Zwergflausch Nagerin, schleife mich in deine Sasse,

Milchdurst in Person,,

Ich irrte, sah nicht,

Dass du deiner auflauernden Hasenglucke Fleischbe-

Dürfnisse bewohnst.





Bild: Waldboden


Und rost'ner Sirup

Sabbert dort

An mir und auf die Erde

Neben mir und unter mir

Um das, was Körper Körper nennen.


Bei Erdtau duften Borkenschründe, harzen,

Werde ich gezogen, zieh' ich

Alle gelben, roten, braunen Blätter

Mit mir

Ein Schneeball, ungeformt.


Ob dies Kaninchen an mir zerrt.

Bin ich am Ende Hülle

Dessen, was sie Seele nennen,

Wenn niemand mehr zu helfen,

Nein, zu formen, wagt.





Bild: Raum – eingesperrt


In lautem Denken halle ich an graue, nasse Wände.

Gedanken: „wer von mir im Ich mir das getan“

Erschöpfen sich, sortieren jede Seele aus,

Leg' ich mich doch schlussendlich hin;

Wär's Ruhe, würd' ich 's Ruhe nennen.


Von oben spalten sich mir Wände

Aus Spalten meiner Augenwinkel

Hör' ich ihre Risse,

Zement'ner Boden knirscht

An Schorf an Ballen meiner Hände.


Ich greif' hinein und fasse Schutt und trocken' Knister.

Wenn nicht zu berühren,

Was verschwimmt vor mir,

Ist's schwarzer Teig -

Ich sinke.





Bild: Verschmelzung Waldboden - Körper


Es pocht noch unter meiner Borke.

Selbst wenn Blätterspliss

In allen Jahresringen Haarfäulnis verschenkt,

Aus meinem Leder harzt schon Blut.

Es pocht noch unter meiner Borke.


Dort, wie kalter Tau,

Legen sich an Weißen Nächten

Wurzeln,

Weil sie mir den Weg nicht finden.

Sie ragen dort mit allen Zeh'n

Durch grünes Weichgewebe einer Vatersmutter

Als Moos an Pilzgeruch, an Beeren eines Muttermals.


Dort im Charakter.


Mir lächeln meine Walnusszähne zu,

Es greifen Schuppenblätter, zieh'n,

Als Duft, als Herbstgericht.

'Bin ohnehin noch diese Nacht,

Selbst ohne Stirn und ungeweiht,

Des einen oder And'rer Hirschragout.





Bild: Giftpflanzenblüte


Schönheit scheint so frei

Von Augenweiß, von Würgen

Wenn Konsonanz

Mit Klingen zwischen Schmutz, Natur und Alltag,

Wetter, schneidet,

Trauen wir da einfach unser'n Sinnen nicht?

Und Fingerhut und Königsfalter,

Pfeilgiftfrösche,

Wespen wollen

Ihres Glanzes überzeugen,

Kennen ihre Wirkung nicht

Wie Diktatoren nur gewinnen,

Nur gewinnen können,

Schärpen, krönen wir das Giftgetier,

Und wenn sie ohne Stachel,

Ohn' Alkaloid, ohne zu droh'n

Gewönnen,

Interessiert's hiernach

Niemanden weniger,

Niemanden mehr.





Bild: Zwergflausch


Ihr helles Wesen,

Flaum, der über Schlamm, Blut, Dreck

Und Salzen, Säften, schwebt.

Wird Schwäche doch vielleicht Geduld, in Muße

Nachdruck, Streben, Wille, wird es

Eine Stärke ihrer Stille

Die Nagerin, mein Zwergflausch, schweigt mit mir.

Mein Ruf nach Schleichweg, Hintertür.

Sie schleift mich, habe ich darum gefragt?

Erinnerung ist Traum ist Riss des Jetztgefühls -

Ich weiß es also nicht,

Wie Wolken schieben sich mir Lider über meine Irissonnen,

Ich rate, welche Form mein Tintenklecks,

's sind Träume eines blauen Himmels,

Rate mal, warum mir Unberührtes hilft.

Ihr rhythmisch' Zerren

Wiegt mich

Denken mag ich bald nicht mehr,

Mag ich jetzt nicht mehr,

Nicht mehr.





Bild: Abendlied


Ich habe wieder falsch erwartet.





Bild: Nagerin und Hasenglucke


Als Wimpernlichter flackern

Trampelt's zwischen Lungenflügeln

Rauscht ein Sog in meiner Kehle,

Wirbelt Winde hin und her.


An and'rer Wand,

In Schatten, Flauschzwerg saugt an Zitze eines Borstenfells.

„Mein gutes Mädchen, braves Mädchen“,

Sänftigt Borstenglucke ihren Zwergflausch, pornogleich.


Und Flaumsamtzwergin schweigt,

Als ob nur um mein Bild nicht zu zerstören,

Nickt vielleicht, vielleicht nur Saugbewegung.

Sind nicht Tochter und nicht Mutter,

Nicht im Ideal

Und nicht für mich und meine Bilder,

Beide nützen wie sie nießen,

Und Heimatbettlerin bin ich

Als altbekannter Ohnmachtsruf,

Nein, Essenruf.

Die Hasenglucke, Hüterin,

Schleicht ihre Krallen, Zähne zu mir,

Speichel tropft an ihrer Sohlenhaut,

Ein altes Menschenstück

Umhangelt ihre Lefzen

Blöße, Appetit beginnt mit meinen Wurzelzeh'n,

Ich greife, kratze rostgetränkte Sande.

Ich schütt'le, was noch zittern kann.


Statt Schnupperkind war ich nur stets

Das Kätzchen, das in ihre Pisse,

In ihr Dürfnis, ihren Durst,

Bedeutung,

Fast allein,

Fast ohne Fremdhand um den Nacken,

Untertaucht.


Ich kralle mich in rostgetränkte Sande,

Ich bebe, trete, weil ich fast nicht zittern kann.

Kralle, stopfe mich mit blutgetränktem Couscous!

Und bebe, freu' dich, weil ich nicht mehr zittern kann!


Ich kann nicht schenken, was du mir gestohlen hast.





Raubtier 2


Ein ich, ich selbst, bin mir die Lanze,

Ich bin die Klinke und das Knarzen,

der Schlüssel, eingedreht.

Bis wann ich rütt'le, schmeichle, drohe, flieh'?


Bin nurmehr grauer, nasser Raum,

Ein Zwanzig-BMI.

Bald spanne, flatt're ich als Saum,

Wo ich umsonst,

Von Kosten, kost- und sinnfrei heut' geweht.

Ich male, wie ich meine Wunden bald verarzte,

Ich liebe, wen ich gehen lasse.


Weshalb habe ich mir dann noch nicht verzieh'n.


Ein Zwergflausch dürstet,

Hasenglucken wittern,

Baden, reiben sich im Appetit.

Ich bin die Ichs,

Ein Dürfnis, zahllos,

Hab' es nicht gelöst.

Ein Dürfnisbeerstrauch reift

Als meine Krone,

Oben:

Mein Geweih,

Als Hilferuf,

Als Mahlzeitglocke.


An meine Wand graviere ich

Ein Du,

Ein Anderes,

Dass du mir, bitte (Nein, sofortig!), fleischesrost'ne Opfer (Mich!) entlohnst.