Still

Wenn es sich mir geöffnet hat, musste ich es schließen. Wenn sich Sprache formen wollte, befanden sich meine Gedanken in einem Reptilienei, dessen Haut dicker wurde.


Ich kann müde werden, bevor ich zu Ende gedacht habe. Ich könnte kämpfen und mich mit gedankenlosem Sprechen wach halten. Ich würde lallen. Ich könnte essen um wach zu bleiben, ohne satt zu werden. Ich könnte versuchen zu träumen, wie früher. Vielleicht wenn ich etwas erleben würde. Sport würde helfen um lebendiger zu werden. Oder mit dem Rauchen oder Trinken aufzuhören. Erst schlafen. Ich könnte versuchen zu weinen. Vielleicht rufe ich einen Freund an. Ich kann nichts erzählen, habe nichts erlebt. Ich habe keinen Stress. Dann gehe es mir doch gut. Ich habe viele Talente. Sozialhilfe sei nichts für mich. Ich bin müde und lege auf.

Ich versuche nicht mehr zuzunehmen und esse zwei Scheiben Brot, die ich mit Senf bestreiche. Manchmal kaufe ich Blattsalat und lege zwei Blätter pro Scheibe darauf.


Meine Bandkollegin empfiehlt mir eine Therapie. Ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt und sollte darüber sprechen. Ich sei essgestört. In drei Monaten würde ich meinen Psychiater fragen, ob er mir jemanden empfehlen kann. Ich habe immer nur fünf Minuten. Wenn er fragt, wie es mir geht, bin ich müde. Ich versuche mich nicht zu wiederholen und erzähle kurze Anekdoten. Er vermutet Depressionen durch die Medikamente. Ich schlafe schlecht, wenn ich es soll und bekomme ein zusätzliches Rezept. Dass ich auch schlecht sitzen kann, vermag ich nicht in Worte zu fassen, weil ich nicht weiß, dass es eine Nebenwirkung ist. Ich bin zu müde um die Packungsbeilage zu lesen. Überhaupt spreche ich nur noch sehr wenig. Würde ich meine Zunge auf angenehme Weise bewegen können, könnte ich meinem Arzt auch in fünf Minuten sagen, was mich normalerweise eine Stunde kostet.

Ich möchte mehr wollen, ein bisschen mehr ich sein. Ich telefoniere mit einer Freundin, die mich nach Sex fragt. Ich habe einen Freund, mit dem ich nicht mehr schlafe, und es fällt mir erst jetzt auf. Ich habe seit sechs Monaten keinen Orgasmus mehr gehabt. Sie motiviert mich zu masturbieren, es mir schön zu machen. Wir legen auf. Es geht nicht. Meine Klitoris ist taub, ich bin trocken. Früher habe ich zweimal täglich masturbiert und als Single mindestens zweimal im Monat Sex gehabt. Ich bin alleine. Ich bin alleine damit keine Worte zu haben. Mein Freund wird öfter sauer, weil ich schweige. Ich bin ein toter Lappen, das muss er nicht aussprechen, ich weiß es für mich ganz alleine.


Bei der nächsten Bandprobe witzelt mein Dozent über meine unkontrollierten Füße während einer Rhythmusübung. Ich bin zu müde um mich zu schämen. Erst zwei Tage später fällt mir ein, dass mein Beratungsgespräch bei ihm nur einen Tag zuvor stattgefunden hatte. Er weiß um meine Medikation.

Ich kann nur noch halb so schnell spielen. Hätte ich Humor, würde ich die Ironie darin sehen, dass mein aktuelles Niveau trotzdem ausreicht. Wenn ich abends Auftritte habe, verpflichtende Praktika in Kneipen, drehe ich mich möglichst leise, damit niemand mich lallen hört beim Singen oder mein unmotiviertes Keyboardspiel. Vier Akkorde, was soll ich schon daraus zaubern können, wenn ich eine Stunde zuvor meine Medikamente einnehmen musste.

Ungefähr zwei- bis dreimal pro Jahr besuche ich die gleiche Psychiatrie. Die Ärzte dort sind meine Eltern, meine Mitpatienten die Geschwister. Immer ungefähr eine Woche vor meiner Entlassung blühe ich etwas auf, dann kaufe ich mir Wolle, manchmal habe ich Lust meine Frisur zu verändern. Ich verstehe meine Medikamente nicht. In der Psychosegruppe soll ich lernen, wie wichtig Stressreduktion ist. Und regelmäßige Medikamenteneinnahme. Wir sprechen über mögliche Nebenwirkungen und postpsychotische Symptome. Ich wage es diesmal und frage, wie es sein könne, dass sich Nebenwirkungen den postpsychotischen Symptomen so sehr ähneln. Die Leiterin verstehe meine Frage nicht. Ich werde müde und habe Angst. Ich vergesse meine Frage. Stattdessen erinnere ich mich an unsere früheren Auseinandersetzungen. Ich möchte meine Antwort bekommen und meine Gedanken fangen. Ich fange Schattenmonster.


Ich freue mich auf die Visiten, jedes Mal. Zum Glück kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich jedes Mal keine Hilfe bekomme. Ich bekomme Fragen gestellt, immer wieder die gleichen. Jedes Mal muss ich von meinen Halluzinationen berichten. Wessen Stimmen ich höre, den Inhalt. Ich kenne alle Antworten auswendig, ebenso meine Medikamentengeschichte. Wenn ich gefragt werde, ob ich Fragen habe, stelle ich die falschen oder gar keine. Ich bekomme Lebensratschläge, obwohl ich mit meinen zweiundzwanzig Jahren schon für mindestens vier Leute Scheiße erlebt habe.

Ich hätte so einige Ratschläge, die dich davon abhielten, dir das Leben zu nehmen, gefährliche Menschen zu ertragen, dich von ihnen finden zu lassen, Dinge nochmal geschehen zu lassen, dein Gehirn zu vernachlässigen, während du eingesperrt bist, den falschen Menschen deine blauen Flecken zu zeigen, Termine zu versäumen, während du eingesperrt bist und dein Zeitgefühl verlierst, deinen Erfindungsgeist zu verlieren, auch wenn es sich anböte, wahnsinnig zu werden, während du eingesperrt bist.


Ich bin eingesperrt. Ohne medizinische Kenntnisse habe ich versucht mir die Pulsadern aufzuschneiden, während ich Angst hatte, sie tatsächlich zu treffen. Ich schnitt zu oberflächlich, aber an der richtigen Stelle. Die Ärzte fragen mich nach der Ernsthaftigkeit meiner Absichten. Ich antworte ehrlich. Wenn ich mir nicht trauen könne, dürften sie es ebenso wenig. Seitdem liege ich auf einem Zimmer mit einer dementen Oma. Ich schlafe keine Minute. Sie legt sich zu mir ins Bett und massiert ununterbrochen ihre nackten Brüste. Ich habe abgenommen, meinen Gürtel musste ich abgeben, also hält meine Hose nicht. Ich bekomme Besuch und muss mit ihm Kniffel spielen. Ich kann nicht sprechen. Meine Gedankenfetzen reichen für keinen einzigen Satz. Manchmal versuche ich es. Erst ein Wort. Dann Pause, dann Wort eins und zwei, dann wieder eine Pause. Die Pausen werden länger, die meisten Sätze beende ich nicht. Sprechen wird zur Mutfrage. Zum Mutigsein bin ich zu müde. Letzte Nacht schrie ich die Oma an. Jetzt weint sie in ihrem Bett, weil sie fixiert wurde. Und es ist meine Schuld., ich kann doch sowieso nicht schlafen, ob sie weint oder mich befummelt. Ich möchte die Pfleger bitten ihr zu helfen, sie zu befreien, niemand hört mich. Vielleicht spreche ich auch nicht mehr, selbst wenn ich glaube es zu tun. Möglicherweise habe ich meine Gedanken leiser gedreht, vielleicht denke ich bald wie ich spreche.

Ich muss jetzt kognitive Übungen an einem Computer machen. Ich mache sie zweimal und fühle mich frisch und habe Lust zu erzählen, ich freue mich auf meine Entlassung in die Tagesklinik.

Die Ärztin in dieser Gruppe sieht etwas in mir. Ich kenne das, diese Menschen tun mir am schlimmsten weh. Sie enttäuschen mich mit ihrer Professionalität, die am Ende von allem steht. Niemand adoptiert mich oder lädt mich ein. Sie brauchen Urlaub. Von mir. Sie bitten mich anzurufen oder eine Karte zu schreiben, die sie für eine Zeit an ihrer Pinnwand hängen lassen werden. Sie sehen eine Parallele, die sie inspiriert oder ihren Arbeitsalltag erleichtert. Ich bin das Futter ihrer Unprofessionalität. Ich habe keine Arbeit und auch etwas gegen Inspiration: Antipsychotika.


Bei der Einladung zum Arbeitsamt packe ich mein mittelmäßiges Abiturzeugnis und meine Studiennachweise in eine schöne Mappe. Zum Glück schaffe ich es heute rechtzeitig aufzustehen. Ich schminke mich und dusche kalt gegen mein müdes Aussehen. Leider weiß ich überhaupt nicht, was mir bevor steht, vielleicht ist ja der Berater kreativ oder wenigstens nett und kommt auf Ideen, die ich noch nicht verworfen hatte. Ich bin zu schnell mit dem Fahrrad gefahren, daher verschwitzt und zum Glück auch zu früh, so kann ich mich mit Papierhandtüchern, Seife und kaltem Wasser frisch machen.

Ich habe noch zehn Minuten und sitze im Gang neben der Tür meines Beraters. Es brennt kein Licht. Er kommt fünf Minuten zu spät, schließt die Tür auf, sein Kaffee in der anderen Hand duftet. Ich darf keinen mehr trinken. Er lächelt, im Aufspringen begrüße ich ihn und möchte ihm folgen, er bittet mich draußen zu warten. Er sieht gut aus, ist höchstens fünf Jahre älter als ich. Sein Hemd ist gebügelt und duftet sicher nach Weichspüler. Hinter der Tür höre ich ihn zehn Minuten telefonieren. Alle sind beschäftigt. Mich beschäftigt niemand. Ich muss unwichtig sein. Ich muss warten. Meine Mappe umklammert mich, ich denke an erfolgreiche Konzerte, an meine ehemaligen Klavierschüler, das steht dort nicht. Weil es nicht hilft.

Als er mich einlässt,sehe ich ein aufgeräumtes Büro, einen kleinen, runden Tisch, an den ich mich setzen soll. Ich lege die Mappe vor mich. Ich weiß nicht, wovon er spricht, er habe mit meiner Sachbearbeiterin telefoniert, ihm sei meine Lage durchaus bewusst, ich brauche nichts erklären. Die Zeugnisse und meinen Lebenslauf brauche er nicht. In verständnisvollem Ton. Er könne sich schon eine Tätigkeit für mich vorstellen. Für mich als Frau sei doch sicherlich putzen ganz schön.

Unmittelbar muss ich an die Leiterin meiner Psychosegruppe denken. Ich solle darüber nicht sprechen, sagt sie, ich solle niemanden in der Gruppe triggern. Wenn ich Probleme habe meine Diagnose zu verstehen, sei das ein Thema für die Visite. Ich wende ein, dass sie mich gerade als erste über meine Schizophrenie informiert habe. In einer Gruppe. Sie unterbricht mich dann noch mehrfach, bis ich lieber schweige.

Ich koche. Ich koche meine Zunge und meine Gedanken, ich koche meine Hände und meine Medikamentenbox, stellvertretend. Ich koche meine Bildung, meinen Feminismus.

Ich putze. Ich putze Klassenräume, Tafeln und den Dreck und die Spinnen zwischen den Heizungsrohren, ich schneide Kaugummis von Stühlen und Tischen und Lehrerpulten. Stellvertretend.


Meine Bandkollegin findet mich lebendiger, seitdem ich halbtags für einen Euro die Stunde arbeite. Vielleicht setze ich lieber mein Studium fort. Allein der Gedanke ermüdet mich. Ich denke an meinen Hausmeister-Arbeitskollegen, der mich jeden Tag sexuell belästigt, dessen Hände aufs hässlichste tätowiert sind. Dann erinnere ich mich an die lesbenfeindlichen Bemerkungen meiner Arbeitskolleginnen. Mein Coming-Out wartet. Warum muss ich mich nach dem geringsten Unglück umsehen und nicht umgekehrt. Meine gleichaltrigen Kommilitonen scheinen so etwas wie Hoffnung zu besitzen. Wer sie ihnen wohl geschenkt hat. Oder besser nicht genommen. Ich empfinde nicht einmal Neid, nur Abscheu.


Wenn es sich mir geöffnet hätte, würde ich es nicht verschließen. Nie mehr. Ich würde schlüpfen. Immer wieder. So oft ich will. Heute.