Harz

Er war kein einziges Mal im Harz wandern. Es erscheint Carsten unnötig zu erklären, warum eine kommentarlose Unterwanderung der offiziellen Bestimmung einer Sache als Freizeitrebellion zu deklarieren sei. Wenn etwas nicht gefällt, wird es nicht gemacht. Wenn er Lust habe seine Limonade aus einem Milchaufschäumglas zu trinken, brauche das keinen Namen, sei das kein Symptom. Hat seine Kleine zum Beispiel mal keinen Hunger, darf sie auch nur am Essen riechen oder es anfassen. Wenn sie will zwei Stunden lang.

An diesem Viererhaushalt hasst er das Putzen am meisten. Vor zwei Jahren stellten sie die Regel auf jede Haushaltspflicht auf alle zu verteilen, wie in einer Schweinestall-WG, auf kleinkarierte Fliesenabschnitte. Niemand sollte sich drücken dürfen, niemand wurde verschont.

Wofür das stand, war eigentlich allen klar: sie strebten nach dem Maximum an Emanzipation und zwar, bevor das Baby überhaupt gezeugt würde.

Carsten zählt die braunen Blumen auf der hässlichen Wolltischdecke. Für niemanden ist er gerade erreichbar. Sein Gastgeber sagt ihm regelmäßig, wie schön das Wetter sei. Draußen.

Jeder hat ein Recht aufs Nichtidyll, findet er. Je hässlicher, desto privater, je geschmackloser, desto befriedigender die Isolation. Niemand benötigt Urlaubsbilder. Er müsste andernfalls sich selbst in Denkerpose ablichten, mit roten Augen, einem ausgeleierten Shirt und glänzender Haut.

Sein Glück ist vorhanden, vielfältig, und Wahrheiten lassen sich nur in Mut zur Eskalationsbewältigung messen. Sein Leben. Er möchte alleine hinschauen und alleine verzweifeln, wenn er Erwartungen abschüttelt. Seine Familie versteht das, ein Gastgeber wohl kaum.

Als Carsten diese Reise plante, schoben sich ihm Erledigungen und Menschen vor. Viermal lud er dorthin ein, zweimal kündigte er alternative, geselligere Aufenthaltsorte an, und nur einmal beschäftigte er sich mit der Frage, wie sich eine derartige Reise ohne Auto gestalten, ob alles gut gehen würde.

Die Tischdecke hat nur fünf Blumen, übergroße. Vor seiner Zeit waren sie sicher einmal modern. Zur Hölle, welches Lebensgefühl sollten sie denn bitte symbolisieren, wenn Verwesung die falsche Antwort ist? Jede Blüte hat unterschiedlich viele Blätter, sie sind in orange und ocker schattiert. Er schaut sich noch einmal jede Einzelne an und stellt sich ein Siegertreppchen für Miss Tischdeckenblumen vor. Welche von ihnen würde die Polyesterschärpe in Empfang nehmen. Das wäre ein heißes Rennen.

Läge er jetzt im Familienbett und würde das erzählen, könnte sich niemand vor lachen halten. Der Harz hingegen ist ernst und hässlich. Niemand möchte beleidigt werden, aber manchen Regionen scheint es vorbestimmt unattraktiv zu sein, alleine schon wegen ihres Lokalpatriotismus'. Andere gewinnen eben wegen ihrer Bescheidenheit an Abscheu. Und andere sind trash. So wie der Harz. Warum können nicht einfach alle Menschen und Institutionen schamlos und ohne diese fürchterliche Eitelkeit zu ihrem Untergang stehen? Alle Titten werden eines Tages hängen, alle werden irgendwann nach Hilfe fragen müssen, jeder Kopf verliert Haare und Zellen, was soll das Getue. Und Plastikblumen vergilben und zerfransen, auch wenn so ein Gastgeber versucht diese Tatsache mit gelben, hochglänzenden Geschenkbandlocken zu verschleiern.

Warum hat auch er selbst viel später bemerkt, dass alles was er braucht, vorhanden ist. Das Tablett hier, beispielsweise, mit abblätterndem Kaffeebohnendecor, ist solch ein typischer Müll. Als er gestern eine Erkältung abwenden wollte, konnte er glücklicherweise darauf die Plastikteekanne abstellen, im Bett aufhören zu frieren, genesen und gleichzeitig masturbieren. Jaja. Eigentlich wollte er nicht ins Internet, aber Pornos sind da eher eine Notwendigkeit und nicht dazu zu zählen.

Auch das Handy muss er öfter alleine schon anstellen um zu sehen, ob ihn nicht doch einer oder eine vermisst hatte. Carsten überrascht sich immer wieder selbst mit dieser Art von Einsamkeit. So, als gäbe es einfach keinen Idealzustand für ihn, keine Ausgeglichenheit von Geselligkeit und Ruhe, oder wenigstens ein ausschließliches Glück oder Unglück in einem dieser Zustände.

Clara und Max witzeln öfter darüber, so ähnlich wie Geschwister es tun würden, in seiner Vorstellung. In solchen Momenten nennen sie ihn ihr süßes Leberwürstchen. Eine Mischung aus Scham und Stolz lässt ihn erröten, wenn er nur daran denkt. Ja. Menschen nennen das Intimität.

Max möchte noch ein zweites Kind, Clara ist sich nicht sicher, möchte etwas warten. Wenn Carsten wollte, wäre sie auch jetzt schon einverstanden. Er versucht zu denken und gleichzeitig kein Leberwürstchen zu sein. Verdammt, was veranlasst ihn dazu, eindeutige Antworten zu suchen. Was soll schon Logik sein, wenn es um Bedürfnisse geht, und wer bitte versteht etwas von Psychologie? Eindeutigkeit ist doch unmöglich, wie soll er wissen, für wie lange seine Entscheidungen gute sein werden.

Carsten startet noch einmal sein Handy. Da auf der Kurzwahltaste ist die kleine Tochter mit Foto. Er wählt.